Werk des Satans oder Verbrechen von Menschenhand?

Alexander Köhl - Opfertier - Kriminalroman aus Aschaffenburg

In einem abgelegenen Spessartdörfchen wird eine junge Frau tot aufgefunden. Selbstmord behaupten die streng religiösen Eltern. Kommissar Basler hegt da seine Zweifel. Warum sind die Angehörigen der Toten peinlich darauf bedacht, jede Spur zu verwischen? Welche Rolle spielt der religiöse Eiferer Antonius, der die Familie offenbar fest in der Hand hat? Und was hat es mit den anonymen Botschaften auf sich, die einige Tage zuvor in Baslers Briefkasten landeten und die auf einen lange zurückliegenden Exorzismusfall anspielen? Basler kommt ein schrecklicher Verdacht: Hätte er selbst das Unglück verhindern können?

Montag, 10. Februar, 10.02

Er war dieselbe Strecke durch verschneite Spessartwälder bereits letzten Mittwoch gefahren. Mit seinem nicht ganz winterfesten VW Passat durch Forste gewaltiger Eichen, in deren Schatten Meere dichter Farne wuchsen. An jenem Nachmittag, vor fünf Tagen, hatte man ihm bei den Andres nicht geöffnet, obwohl sich an den Fenstern die Vorhänge verräterisch bewegt hatten und er durch das Türholz deutlich Schritte gehört hatte. Doch wenigstens hatte er noch ein paar Sätze mit dem kauzigen Nachbarn, einem Bauern namens Waldschmidt, wechseln können, bevor er mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend wieder abgezogen war. Und ein ebenso mulmiges Gefühl begleitete Hauptkommissar Robert Basler auch jetzt, nicht zuletzt, da ihn Kollege Paulson vorhin am Telefon mehr oder weniger behutsam auf das vorzubereiten versucht hatte, was ihn heute dort draußen erwartete.

Zu Beginn einer steilen Serpentine, die in ein kahles Waldstück führte, musste er nochmal die Geschwindigkeit drosseln, um auf dem schneeglatten Asphalt nicht in den Straßengraben zu rutschen. Unmittelbar nachdem er die heikle Stelle passiert hatte, kurbelte er das Fenster einen Spalt herunter. Kühle Luft strömte ins Wageninnere. Luft, die, für diese Jahreszeit ungewöhnlich, mit einem Hauch von Pilzgeruch gewürzt war. Als er seinen Blick einen Moment lang von der Fahrbahn schweifen ließ, meinte er plötzlich, im Nebel zwischen den Bäumen Silhouetten auszumachen.

Die Eheleute stünden beide unter Schock, berichtete Kraus. Elke Andres schwanke allerdings noch zwischen Momenten bewundernswerter Gefasstheit und urplötzlich über sie hereinbrechenden Weinkrämpfen. Ludwig Andres hingegen wirke durchgängig apathisch und habe vom Hausarzt, der auch den Tod festgestellt hatte, eine Beruhigungsspritze bekommen. Beide hielten sich unter Aufsicht des Kollegen Theisen in der Küche auf.

Bevor Basler sich in der Küche den Eheleuten widmete, wollte er sich erst selbst ein Bild vom Opfer machen. Kraus deutete auf die Tür zur Stube und nickte. Noch im Flur steckte Basler sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und streifte sich ein Paar Einweghandschuhe über.

Der Raum war frisch gelüftet, das fiel ihm als Erstes auf, als er wegen seiner knapp zwei Meter Körpergröße mit eingezogenem Kopf eintrat. Und tatsächlich war das Fenster, trotz der frostigen Außentemperaturen, gekippt. Auf einem Tischchen neben dem Ofen stand ein verkümmerter Strauß Strohblumen. Der Leichnam der jungen Frau lag rücklings auf einer Liege mit Rosenmuster, und ein Gotteslob steckte zwischen ihren Händen. Rock, Bluse, Strümpfe – biederer ging’s nicht. In der gouvernantenhaften Kleidung wirkte sie um einiges älter als die einundzwanzig Jahre, die in ihrem Ausweis vermerkt waren.

Einen Augenblick lang überlegte Basler, ob es sich tatsächlich um die Kleidung der Toten handelte oder ob man sie dem Anlass entsprechend umgezogen hatte.

Er fuhr sich mit der Hand über sein graues stoppeliges Barthaar und versuchte, die unwillkürlich in ihm aufkeimende Abneigung gegenüber den Eheleuten zu unterdrücken. Seitlich aus dem Hals der Leiche ragte ein blutverkrustetes Scherbenstück. Und auch im Gesicht entdeckte er unter der dicken Fettschicht der Creme zahlreiche Schnittverletzungen. Wie es unter der Kleidung aussah, wollte er sich gar nicht erst vorstellen. Rock und Bluse waren weitgehend sauber und offenbar erst angezogen worden, als schon sämtliche Blutungen gestillt waren.

Das Zimmer, in dem sich die Tragödie abgespielt hatte, lag im ersten Stock. Halb Mädchenzimmer, halb Zimmer einer jungen Frau. Kiefernschrank mit Spiegeltür, auf dem Sofa ein Plüschelefant, im Regal der ausgeblichene Karton eines Malefizspiels, Lipgloss auf dem Nachttisch und ein Stapel Frauenzeitschriften in der Ecke neben der Stehlampe. Nichts Besonderes also, außer dass der Raum beinahe schon klinisch sauber wirkte.
Essigscharfer Geruch zog ihm in die Nase. Auf dem Laken fehlte das Kopfkissen, und vor dem Bett hob sich eine hellere Stelle vom Holzboden ab. Vielleicht hatte dort ein kleiner Teppich gelegen? Basler bückte sich und fuhr mit dem Zeigefinger über die Holzkante des Bettgestells. Ein Halleluja auf die Putzfrau, dachte er bitter. Nur winzige Blutspritzer an der Bodenleiste hatte sie übersehen. Als er sich beim Aufstehen seitlich an der Wand abstützte, glitten seine Finger auf etwas Schmierigem ab. Verwirrt inspizierte er den klebrig weißen Handschuh, dann die Wand. Ungefähr auf seiner Kopfhöhe endete der Streifen. Die Farbe war noch frisch, und er konnte sich auch vorstellen, weshalb.