Victors Schützling

Alexander Köhl - Opfertier - Kriminalroman aus Aschaffenburg

Der Aschaffenburger Kriminalhauptkommissar Hans Adelmeier ist kein knallharter Bulle. Er setzt auf exakte Spurensicherung und kombinatorisches Geschick:

Fähigkeiten, die er auch benötigt, wenn er abends zur Entspannung puzzelt, am liebsten Dürer-Motive. Aber nicht nur privat liebt er Alleingänge. Das stößt bei seinem Team nicht immer auf Gegenliebe.

Zur Verbesserung des Arbeitsklimas lädt er seine Mitarbeiter zum Grillen in seinen Garten ein. Doch die vergnügliche Runde wird schon bald gestört: Ein Arzt aus dem Städtischen Klinikum wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Mord oder Selbstmord?

"Sie trug ihre blonden Haare auf Teppichlänge zurückgeschoren. Doch als sie sich umdrehte, sah er, dass einige längere, pink gefärbte Strähnen in ihr rundliches Kindergesicht hingen. Ihre Augenbrauen waren dicht mit Ringen übersät, sodass man nur mit Mühe etwas von der Haut darunter erkannte. Er entdeckte einen schillernden blauen Fleck an ihrem linken Wangenknochen, der sich von ihrem blassen Gesicht abhob wie ausgelaufene Tinte. Adelmeier überlegte, ob die Blessur die einzige an ihrem Körper war.

Der Hund knurrte bedrohlich und glotzte ausdruckslos an ihm vorbei. Doch gerade dieser kalte, schwer einzuschätzende Blick beunruhigte Adelmeier. In dem halb offenen Maul standen kräftige Reißzähne. Und obwohl er wusste, dass Hunde die Angst bei Menschen rochen, wich er instinktiv einen Schritt zurück. "Dein Hund beißt doch nicht?", fragte er und versuchte, seine wachsende Unruhe zu verbergen. Seitdem er einmal als Kind auf einem Bauernhof von einem Schäferhund gebissen worden war, hatte er panische Angst vor Hunden. Von diesem Erlebnis zeugte noch eine helle, verwachsene Narbe an seinem Unterarm.

"Warum nicht? Du siehst doch, dass es ein Kampfhund ist", entgegnete sie ihm und lächelte überheblich. "Aber doch nur auf dein Kommando hin? Können wir ihn denn nicht irgendwo festbinden?" "Wir können ihn nirgends festbinden! Warum verpisst du dich nicht, wenn du Schiss vor Tyson hast?" Sie setzte einen kampflustigen Blick auf. "Origineller Name für einen Hund.

Passt aber besser auf einen Boxer. Das ist doch ein Mas..." "Schieb mir keine Kassette ins Ohr! Du willst doch nicht über Hundenamen diskutieren?" Der Mastino machte eine unruhige Bewegung auf Adelmeier zu. Doch zu seiner Erleichterung stemmte sich das Mädchen gegen die Zugrichtung. "Vielleicht hast du etwas gesehen, das wichtig für mich ist?", fragte Adelmeier unbeholfen, ohne den Hund aus den Augen zu lassen. "Etwas Wichtiges gesehen", äffte sie ihn nach und fuchtelte mit ihrer freien Hand in der Luft herum. "Ich hol gleich meine Kristallkugel." Die Unverschämtheit des Mädchens ging Adelmeier auf einmal gehörig auf die Nerven. Er machte noch einen weiteren Schritt zurück und holte seinen Polizeiaus-weis aus der Tasche. Dann hielt er ihn wie eine rote Karte in die Luft.

"Ich habe auch keine Lust, mit dir über Hundenamen zu diskutieren. Du bindest jetzt sofort mal deinen Tyson an die Bank und kommst zu mir rüber." Das Mädchen zog verächtlich ihre Mundwinkel nach oben. "Ich kann den Lappen aus der Entfernung nicht lesen. Also, wenn du etwas von mir willst, komm einen Schritt näher und zeig mir, was auf dem Wisch steht." "Du bindest deinen Hund fest oder wir fahren aufs Präsidium." Im selben Moment, als Adelmeier seine eigenen Worte hörte, bereute er sie. Das Mädchen lachte schrill. "So einen Spruch kannst du dir für den Mars aufheben. Du siehst nicht so aus, als würdest du den Helden spielen, wenn ich aus Versehen auf das kleine Knöpfchen drücke."