Wie ein Lamm zur Schlachtbank

Alexander Köhl - Opfertier - Kriminalroman aus Aschaffenburg

Im Schönbuschpark wird eine Leiche gefunden: ein alter Mann, nackt, gefesselt und offenbar erfroren. Der Tote war Pfarrer. Kurz darauf schlägt der Täter ein weiteres Mal zu. Das Opfer: ein Mönch.

Ein Rachefeldzug gegen Geistliche? Kommissar Basler ist sich sicher: Es wird weitere Tote geben. Doch er ahnt noch nicht, dass das letzte Opfer ein ganz besonderes sein wird.

1.

Mit der Unbarmherzigkeit von Maschinen hackten sie ihre Mordwerkzeuge in das auf dem Boden liegende Zuckerstück. Unschlüssig, in welche Richtung er ausweichen sollte, blieb er stehen. Seinen Blick von dem Furcht einflößenden Spektakel abwendend schaute er in den Himmel, in die gräuliche, nach Osten ziehende Wolkenbank. Bereits als kleiner Junge war er in das Taubengeheimnis eingeweiht worden. Hüte dich, hatten sie mit erhobenem Zeigefinger gewarnt. Hüte dich, dies Federvieh ist verflucht. Ist es ihnen erst einmal gelungen, einem jungen Burschen wie dir in den Kopf zu sehen, dann bist du verloren.

Ängstlich richtete er seinen Blick wieder auf die pickenden Vögel am Laternenfuß. Ob sie die Gedanken alter Männer wohl ebenso lesen konnten? Ein plötzliches und lautes Gurren ließ ihn zusammenzucken. Staunend verfolgte er das kleine Wunder, das sich zu seinen Füßen vollzog. Wie durch einen Wink des Herrn erhoben sich die Tauben und entschwanden eine nach der anderen in die kühle Herbstluft.

Erleichtert humpelte er die Straße hinunter. Schritt für Schritt begleitete ihn buntes Laub, das in Wolken um seine Füße wirbelte. Ein paar Ecken weiter kam er an einem Buchladen vorbei. Bücher – ja, das kannte er. Angezogen von den farbenfrohen Umschlägen im Schaufenster blieb er stehen. Unwillkürlich musste er lächeln, als sein Spiegelbild auf der Scheibe auftauchte. Zaghaft strich er sich über den lichten Kranz aus Haaren. An seinem Mantel fehlten die beiden mittleren Knöpfe. Darunter lugte der blaue Strickpullover hervor, den er vor langer Zeit geschenkt bekommen hatte.
Eine seiner seltenen und fernen Erinnerungen stahl sich in seinen Kopf. Sein Neffe, seine Mutter, Schwester Marianne. Ja, die Schwester war’s. Die wollte, dass er den Pullover endlich wegwarf, in den Mülleimer steckte und sich einen anderen besorgte. Weil am Bündchen Fäden hingen. Fäden, mit denen er sich an Türgriffen verfing, und die ihn dort wie einen Fisch an der Angel gefangen hielten.

Der Bauch der Buchhandlung war erfüllt von einem süßlichen Duft. Ein wohliger Geruch, der ihm vertraut war. Schnuppernd stellte er sich vor einen Büchertisch. Unsicher schaute er über seine Schulter, bevor er sich traute, nach einem der Bände zu langen. Als er mit dem Daumen über die Seitenränder fuhr, gab das Papier ein leises Flattern von sich.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“

Eine fremde Stimme, die auf einmal von hinten auf ihn eindrang. Drei, vier Sekunden lang verharrte er mit eingezogenem Kopf, dann drehte er sich langsam um. Der Mann, der ihn durch große Brillengläser ansah, lächelte freundlich.

„Mein Herr, kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“

„Behilflich sein?“

„Ja, suchen Sie etwas Bestimmtes?“

„Frieden“, war, was ihm spontan dazu einfiel.

„Meinen Sie etwa Krieg und Frieden von Leo Tolstoi?“

„Nein, Frieden“, wiederholte er nun etwas sicherer und deutete auf sein schmerzendes rechtes Knie. Die Miene des freundlichen Mannes trübte sich, als er an ihm heruntersah. Seine Hose hatte am Knie einen Riss. Den hatte er sich zugezogen, als er beim Davonlaufen gestürzt war. Blut sickerte noch aus der Wunde und verfärbte den Stoff dunkel.

„Sind Sie verletzt? Soll ich Ihnen ein Pflaster holen?“

Mit zusammengekniffenen Lidern schüttelte er den Kopf, solange bis ihm schwindelig wurde. Als er die Augen wieder öffnete, waren alle Konturen um ihn herum verschwommen. Die Regale, der Mann, die Kasse und die Lampe. Doch dann, als die Gegenstände wieder an Schärfe gewannen, fiel sein Blick auf etwas, das er kannte. Ein freudiges Kribbeln durchströmte ihn, als er auf das Buch deutete.

„Wollen Sie etwa eine Bibel kaufen?“

Er nickte.

„Ein wunderschönes Exemplar. Eine Einheitsausgabe mit Ledereinband und modernen Illustrationen. Darf ich Ihnen die Heilige Schrift gleich einpacken?“

Hastig riss er dem Mann das Buch aus der Hand und lief, so schnell er mit seiner Verletzung konnte, auf den Ausgang zu.

„Halt! Bleiben Sie stehen! Zahlen! Sie müssen noch zahlen!“

Der Mann bekam ihn am Mantel zu packen.

Das Buch fiel ihm aus der Hand, und als der Mann sich danach bückte, humpelte er zur Tür hinaus.

Es dauerte, bis er wieder zu Atem kam. Keuchend schielte er zu den Straßenmusikern an der Ecke, die mit bauchigen Saiteninstrumenten und Klarinetten sentimentale Lieder spielten. Die Münzen im Instrumentenkasten funkelten verlockend. Diesmal jedoch widerstand er der Versuchung. Nachdem er einige Meter weitergelaufen war, spürte er, dass er Hunger bekam. Mit Sehnsucht dachte er an das Abendessen, das er verpasste. Sein Platz zwischen der pausbäckigen Frau und dem alten General mit dem langen seltsamen Namen würde leer bleiben. Namen! Sobald er sie genannt bekam, liefen sie wie Flüchtlinge vor ihm davon. Dabei waren gerade die Namen und die dazugehörigen Gesichter die größten Geheimnisse, die es in seinem Kopf zu hüten galt.

An einer Eckwirtschaft spähte er durch die Scheibe. Eine Schar Fremder hockte um die Tische. Essende und Trinkende, die er noch nie gesehen hatte. Unwillkürlich führte er, als würde er eine Gabel halten, seine Hand an die Lippen. Atem dampfte vor seinem Gesicht, als er kauend den Weg fortsetzte.

Hoch über dem Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes thronte die Stiftbasilika mit ihrem düsteren Arkadengang. Ehrfürchtig betrachtete er das Bauwerk, das er seit vielen Jahrzehnten kannte. Schon seit er aus dem Auto gestürmt war, hatte es ihn, wie von einer unsichtbaren Schnur geführt, hierher gezogen.

Nachdem er eine Weile im nur von Kerzenlicht beleuchteten Kirchenschiff gesessen hatte, verfing sich in seiner Nase erneut ein Geruch, den er kannte. Nicht so süßlich wie der bei den Büchern, aber mindestens ebenso vertraut. Es roch nach einem Busch oder Zweig, der verbrannt worden war. Rauch, dachte er, so wie er bei Totenmessen verströmt wird. Trotz des Duftes, der ihn ans Sterben erinnerte, und der Kälte, die von den Mauern abstrahlte, fühlte er sich auf einmal geborgen. Mit feucht glänzenden Augen schaute er nach vorne auf den Hauptaltar im Kirchenchor. Er lächelte, dann stimmte er das Kyrie an. Hoch und klar kamen die Verse über seine Lippen. Beim letzten Herr erbarme dich spürte er, wie sich sanft eine Hand auf seine Schulter legte. Eine Männerhand, die ihm vertraut vorkam. „Na, mein Alter“, flüsterte eine Stimme in seinem Rücken. „Da bist du ja. Kannst es eben nicht lassen. Wusste doch, dass ich dich in einer der Kirchen finde. Komm, jetzt wird’s aber Zeit, dass wir uns auf den Weg machen.“

Böiger Wind schlug ihnen entgegen, als sie in der einsetzenden Dämmerung am Rathaus vorbei den Dalberg hinunterliefen.