Frankfurts tiefe Abgründe

Alexander Köhl - Die Stunde des Löwen - Frankfurt Krimi
  • Jonas Fremden – ein Ermittler wider Willen.
  • Wild, hart, realistisch.

Eine Mordserie an drei Seniorinnen erschüttert Frankfurt. Sieben Jahre zuvor ertrank der Bestattungsunternehmer Hugo Bruckner unter mysteriösen Umständen in einem abgelegenen Waldsee. Welche Verbindung existiert zwischen den nur auf den ersten Blick voneinander unabhängigen Fällen? Während die Kripo in Frankfurt die Mordermittlungen führt, erhält Privatdetektiv Jonas Fremden den Auftrag, den Tod Bruckners zu untersuchen. Der Fund alter Unterlagen bringt den Ermittler auf ein dunkles Geheimnis.

Er trat aus dem Fahrstuhl und ging den Flur hinunter. Dabei nahm er lediglich den gedämpften Hall seiner Schritte wahr. Vor dem Zimmer mit der angelehnten Tür stellte er die Kühlbox und den Koffer mit den Utensilien ab. Ein Kribbeln durchzog ihn von Kopf bis Fuß. Mit angehaltenem Atem starrte er auf den schmalen Lichtstreifen auf dem Teppich. Noch war Zeit umzukehren. Doch er wusste, dass Flucht keine Alternative war. Mindestens eine halbe Minute lang verharrte er im Halbdunkeln. Dann packte er die beiden Gepäckstücke und trat ein.

Nichts an der Szene wirkte ungewohnt. Sie erwartete ihn auf einem Stuhl sitzend in der Mitte des Raums. Das Kinn aristokratisch erhoben und die Hände im Schoss gefaltet. Ein goldener Ring mit einem funkelnden Edelstein zierte ihre rechte Hand. Die Vorhänge waren zugezogen, und auf dem Teppichboden schmolz ein winziger Schneerest. Letzteres wertete er als Indiz dafür, dass sie unmittelbar vor ihm eingetroffen war.

Eine tiefe Verbeugung vollführend, begrüßte er sie mit »Guten Abend, Madame«.

Von ihr erfolgte keine Reaktion.

Es war warm im Zimmer. Nachdem er die Gepäckstücke in einer Ecke deponiert hatte, fächerte er sich Luft zu. Erst da registrierte er den Geruch von kaltem Zigarettenrauch, der den Raum erfüllte. Bevor er sich den Vorbereitungen widmen konnte, bat er darum, das Bad benützen zu dürfen.

Beim Pinkeln bildeten sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. Mit einem Streifen Toilettenpapier tupfte er sie ab. Nach dem Händewaschen streifte er sich die weißen Handschuhe über. Dann kontrollierte er im Spiegel den Zustand der Livree. Alles war so, wie es sich gehörte. Die Fliege saß mittig zwischen den Hemdkragen, und der Stoff des Fracks wies nicht den kleinsten Fleck auf. Lediglich ein blondes Haar hatte sich auf das Revers verirrt.

Zurück im Zimmer holte er den Tisch vom Fenster. Durch den Schlitz zwischen den Vorhanghälften spähte er nach draußen. Schneeflocken fielen aus dem Himmel, und der Schein des Flutlichts beleuchtete das Terminal in der Ferne.

Er stellte den Tisch vor ihr ab. Als Nächstes entfaltete er die Damastdecke auf der Platte und strich die Falten aus dem Stoff. Dann deckte er den Tisch mit dem Porzellanteller und dem Perlmuttbesteck ein. Auf den Teller setzte er die cremefarbene Serviette, die er bereits zu Hause zum Schwan gefaltet hatte. In der Mitte des Tischs platzierte er die Kristallvase, in die er die Rose stellte.

Nachdem sie die Tischdekoration mit starrer Miene abgenickt hatte, öffnete er die Kühlbox. Er füllte den Boden der Kaviarschale mit gestoßenem Eis, pellte ein hartgekochtes Ei, öffnete den Becher mit der Sour Cream und richtete die Blinis an.

Während er den halb gedeckten Tisch kontrollierte, bemerkte er ein leichtes Zittern seiner Hände. Er ermahnte sich, Ruhe zu bewahren. Doch schon beim Hacken der Zwiebel entglitt ihm das Wiegemesser. Es landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden. Mit gesenktem Haupt eilte er ins Bad, um es zu reinigen. Im zweiten Anlauf klappte es besser. Die feinen Würfel strich er in ein Glasschälchen. Und erst als er sämtliche Vorbereitungen bei Tisch abgeschlossen hatte, holte er die Flasche Champagner Rosé und die Dose mit dem Beluga-Kaviar aus der Kühlbox. All dies geschah, ohne auch nur ein einziges Wort mit ihr zu wechseln.

Die CD, die er in die Kompaktanlage einlegte, hatte er ebenfalls im Koffer mitgebracht. Und auch die galt es, später wieder mitzunehmen.

Unter die Klänge der klassischen Musik mischten sich leise Schmatzlaute. Unwillkürlich malte er sich aus, wie sich Kaviar und Blinis mit ihrem Speichel vermengten. Das gesamte Mahl über hatte er wie ein Schatten hinter ihr zu stehen. Ihre Serviette glitt auf den Boden. Lautlos trat er an sie heran, hob die Serviette auf und legte sie ihr wieder über den Schoss. Dabei streifte sein Blick erstmals das Bett. Auf der Überdecke lag ihre Handtasche und die kleine Tüte, die sie für diesen Abend mitgebracht hatte.

Als sie das Perlmuttbesteck beiseite legte, begann er, ihre Nacken- und Schultermuskulatur zu massieren. Aus dem Zimmer nebenan erklangen Männerstimmen. Laute Stimmen, die sich nach Streit anhörten. Doch das war nichts, was ihn weiter interessieren musste. Nichts außerhalb dieses Raums würde auch nur im Entferntesten Einfluss auf sein weiteres Leben haben. Für ihn zählte nur das Hier und Jetzt. Dann wurde es nebenan plötzlich wieder still. Lediglich ihr leises genussvolles Seufzen und die klassische Musik drangen an seine Ohren. Während er sie weiterhin sanft walkte und knetete, versuchte er, den Moment als Erinnerung in sich aufzunehmen. Mit geschlossenen Augen atmete er tief ein. Ein Hauch von Zwiebeln, Fischrogen und Parfum stieg ihm in die Nase. Er spürte, wie sich ihre Muskulatur immer weiter entspannte. Mit leichtem Nachdruck legte er ihr eine Hand ans Kinn und die andere an die Stirn.

Er war sich sicher, dass der richtige Moment gekommen war.